Startseite » PowerBANK Blog » Netzbildende Wechselrichter: Grid Forming einfach erklärt

Netzbildende Wechselrichter (englisch grid forming) verhalten sich am Stromnetz wie eine eigene Spannungsquelle: Sie geben Spannung und Frequenz selbst vor und reagieren ohne Verzögerung auf Schwankungen – so wie bisher die rotierenden Generatoren großer Kraftwerke. Herkömmliche, netzfolgende Wechselrichter richten sich dagegen nach dem Netz und speisen passend dazu Strom ein. Je mehr konventionelle Kraftwerke vom Netz gehen, desto wichtiger wird diese Fähigkeit zur Netzbildung.

1. Netzbildende Wechselrichter: Was steckt dahinter?

Ein Wechselrichter wandelt den Gleichstrom aus Solarmodulen oder Batterien in Wechselstrom für das Stromnetz um. Nach heutigem Stand der Technik arbeiten Wechselrichter überwiegend netzfolgend (grid following): Sie messen Frequenz und Phasenlage des Netzes, synchronisieren sich darauf und speisen passend ein. Das funktioniert, solange genügend große Kraftwerke das Netz „bilden“. Ein netzbildender Wechselrichter erzeugt dagegen selbst eine stabile Spannung mit eigener Frequenz und Phasenlage – er kann ein Netz aufbauen und stützen, statt ihm nur zu folgen.

2. Momentanreserve: das Sicherheitsnetz der ersten Sekunden

Das europäische Verbundnetz läuft mit einer Frequenz von 50 Hertz. Fällt plötzlich ein großes Kraftwerk aus, sinkt die Frequenz. In den ersten Sekunden fangen die schweren, rotierenden Generatoren der Kraftwerke diesen Einbruch ab: Ihre Schwungmasse gibt Energie ab und bremst den Frequenzabfall, bevor die Regelleistung einsetzt. Diese sofortige, physikalisch bedingte Reaktion heißt Momentanreserve.

Die Übertragungsnetzbetreiber beschreiben Momentanreserve als unmittelbare Reaktion auf ein Leistungsungleichgewicht, die entweder Synchronmaschinen oder netzbildende Umrichter bereitstellen – bei Letzteren spricht man von synthetischer Schwungmasse. Dafür braucht der Wechselrichter einen Energiespeicher im Hintergrund, etwa eine Batterie.

3. Warum die Netzstabilität neue Lösungen braucht

Mit jedem Kohle- oder Kernkraftwerk, das vom Netz geht, fehlt ein Stück Schwungmasse. Wind- und Solaranlagen speisen über Wechselrichter ein, die heute überwiegend netzfolgend arbeiten. Der Verband VDE FNN, der die technischen Regeln für den Netzanschluss erarbeitet, beschreibt das Problem so: Netzfolgende Anlagen sind auf die stabilisierenden Eigenschaften Momentanreserve und Kurzschlussleistung der netzbildenden Anlagen angewiesen. Damit die Netzstabilität erhalten bleibt, müssen künftig auch Wechselrichter und Speicher einen Teil dieser Aufgabe übernehmen.

4. Wie Momentanreserve seit 2026 beschafft wird

Die Bundesnetzagentur hat am 22. April 2025 festgelegt, dass die Übertragungsnetzbetreiber Momentanreserve marktgestützt beschaffen (Festlegung BK6-23-010). Die Beschaffung läuft seit 22. Januar 2026. Anbieten können Anlagen mit netzbildenden Eigenschaften und Synchronmaschinen; vergütet wird die Vorhaltung über ein Festpreissystem (Stand 03.10.2026). Damit können grundsätzlich auch Batteriespeicher mit netzbildenden Wechselrichtern für diese Systemdienstleistung vergütet werden.

Parallel hat VDE FNN im Mai 2025 einen Hinweis veröffentlicht, der die technischen Anforderungen an netzbildende Einheiten in den Netzebenen 1 bis 5 festlegt – also von der Höchst- bis zur Mittelspannung. Er gilt für Erzeugungsanlagen, Speicher und regelbare Verbraucher.

5. Grid Forming in der Praxis: Großspeicher, Inselnetze, Heimspeicher

Netzbildende Wechselrichter werden heute zum Beispiel bei großen Batteriespeichern eingesetzt und überall dort, wo ein Inselnetz ohne öffentliches Netz auskommen muss. Im Kleinen kennen Sie das Prinzip von Heimspeichern mit Ersatzstromfunktion: Fällt das Netz aus, trennt sich die Anlage vom Netz und bildet ein eigenes Hausnetz – vorausgesetzt, Wechselrichter, Speicher und Umschalteinrichtung sind dafür ausgelegt und fachgerecht installiert. Die Ersatzstrom-Umschaltung für Heimspeicher planen und installieren wir – sofern Speicher, Wechselrichter und Umschalteinrichtung dafür ausgelegt sind (mehr dazu unter Stromspeicher für Ihr Zuhause). Im normalen Netzbetrieb arbeiten Heimspeicher in der Regel netzfolgend; der VDE-FNN-Hinweis zu netzbildenden Eigenschaften erfasst das Niederspannungsnetz, an dem Einfamilienhäuser hängen, bisher nicht.

6. Was das für Gewerbe- und Speicherprojekte bedeutet

Wer heute einen Gewerbespeicher plant, nutzt ihn in erster Linie für den Eigenverbrauch von Solarstrom und für die Lastspitzenkappung. Ob ein Wechselrichter netzbildende Funktionen mitbringt und ob sich daraus künftig zusätzliche Erlöse ergeben, sollte bei größeren Projekten trotzdem früh geprüft werden – Anforderungen und Märkte entwickeln sich gerade. Wie wir Speicher für Unternehmen auslegen, zeigen wir unter Gewerbespeicher und an unserem Referenzprojekt für die Marziale Coolinaria GmbH in Nürtingen mit 522 kWh und 250 kW.

7. Fazit: Netzbildende Wechselrichter als Baustein der Energiewende

Netzbildende Wechselrichter übernehmen eine Aufgabe, die bisher Großkraftwerke nebenbei erledigt haben: das Netz in den ersten Sekunden nach einer Störung zu stabilisieren. Mit dem Markt für Momentanreserve und den Anforderungen von VDE FNN ist der Rahmen dafür seit 2025 gesetzt. Planen Sie eine PV-Anlage, einen Speicher oder ein Energiesystem für Ihren Betrieb, halten wir die Grundlagen in Ihrem Projektbericht fest, prüfen beim Vor-Ort-Termin die Details und erstellen danach Ihr verbindliches Angebot. ENERGIE NEU DENKEN.

Häufige Fragen zu netzbildenden Wechselrichtern

Was ist der Unterschied zwischen netzbildend und netzfolgend?

Ein netzfolgender Wechselrichter richtet sich nach Spannung und Frequenz des Netzes und speist passend dazu Strom ein. Ein netzbildender Wechselrichter gibt Spannung und Frequenz selbst vor und kann so ein Netz aufbauen und stützen.

Was ist Momentanreserve?

Momentanreserve ist die sofortige Reaktion des Stromnetzes auf ein plötzliches Leistungsungleichgewicht, bisher vor allem durch die Schwungmasse großer Generatoren. Sie bremst den Frequenzabfall in den ersten Sekunden. Netzbildende Wechselrichter mit Speicher können sie als synthetische Schwungmasse bereitstellen.

Hat mein Heimspeicher einen netzbildenden Wechselrichter?

Im normalen Netzbetrieb arbeiten Heimspeicher in der Regel netzfolgend. Geräte mit Ersatzstromfunktion bilden nur bei einem Netzausfall ein eigenes Hausnetz – vorausgesetzt, Wechselrichter, Speicher und Umschalteinrichtung sind dafür ausgelegt und installiert. Welche Funktionen Ihre Anlage hat, prüfen wir im Projektbericht.

Stand: 3. Oktober 2026. Quellen: Übertragungsnetzbetreiber (netztransparenz.de), Marktgestützte Beschaffung von Momentanreserve, Bundesnetzagentur, Festlegung BK6-23-010, VDE FNN, Hinweis Netzbildende Eigenschaften (15.05.2025). Dieser Beitrag ist eine fachliche Einordnung und keine Rechtsberatung.


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