Die Kosten der Energiewende lassen sich deutlich senken. Zu diesem Ergebnis kommt ein neues Gutachten des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI). Laut Modellrechnung sinken die Stromsystemkosten bis 2045 um rund 70 Milliarden Euro. Stromsystemkosten sind alle Kosten der Stromversorgung: Kraftwerke, Wind- und Solarparks, Speicher, Stromnetze, Brennstoffe und Stromimporte. Ein zentraler Hebel liegt dabei nicht im Großkraftwerk. Er liegt in Ihrem Keller, Ihrer Garage und Ihrem Betrieb: Heimspeicher, Wärmepumpen und Elektroautos, die flexibel auf das Stromangebot reagieren.

Als regionaler Energiedienstleister aus Frickenhausen planen und installieren wir genau diese Technik für Privathaushalte und Unternehmen. Deshalb haben wir das 48-seitige Gutachten gelesen und ordnen ein, was die Ergebnisse für Ihre Entscheidungen bedeuten – und wo die Grenzen der Studie liegen.

Kurz gefasst

  • Das EWI hat im Auftrag des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW (LEE NRW) drei Wege zu einem klimaneutralen Stromsystem bis 2045 durchgerechnet.
  • Der kostengünstigste Weg spart laut Modell über den gesamten Zeitraum rund 70 Milliarden Euro gegenüber den heutigen Ausbauplänen.
  • Wird der Ausbau erneuerbarer Energien dauerhaft gebremst, liegen die Kosten 2045 rund 12 Milliarden Euro pro Jahr höher als im günstigsten Weg.
  • Ohne flexible Speicher, Wärmepumpen und E-Autos entstehen 2045 Mehrkosten von etwa 9 Milliarden Euro pro Jahr.

Was das EWI-Gutachten untersucht hat

Das Gutachten „Kosteneffizienz im Stromsystem“ vom 4. August 2026 vergleicht drei Entwicklungspfade. In allen drei erreicht Deutschland 2045 die Klimaneutralität, und der Strombedarf wächst jeweils gleich stark:

  • Referenz: Ausbau von Wind, Photovoltaik und Netzen nach den heute gesetzlich verankerten Zielen und dem Netzentwicklungsplan.
  • Weniger Erneuerbare: nur 80 Prozent des geplanten Ausbaus, dafür mehr steuerbare Kraftwerke und mehr Stromimporte. Steuerbare Kraftwerke sind Anlagen, die unabhängig von Wetter und Tageszeit Strom liefern, zum Beispiel Gas- oder Wasserstoffkraftwerke.
  • Optimiert: Das Modell bestimmt selbst, welche Anlagen wo gebaut werden, damit Erzeugung und Netz zusammen möglichst wenig kosten.

Wichtig für die Einordnung: Auftraggeber ist ein Verband der Erneuerbare-Energien-Branche. Das EWI ist eine gemeinnützige Forschungseinrichtung, die Methodik und alle Annahmen im Anhang offenlegt. Alle Zahlen in diesem Beitrag sind Modellergebnisse, also Prognosen und keine Messwerte.

Kosten der Energiewende: Wo die 70 Milliarden Euro entstehen

Den größten Teil der Einsparung bringt ein anderer Technologiemix. Das optimierte Modell setzt auf mehr Windenergie an Land und mehr Solarparks auf Freiflächen, dafür auf weniger Windenergie auf See. Im Jahr 2045 stehen im optimierten Weg rund 45 Gigawatt mehr Windleistung an Land und 24 Gigawatt weniger auf See als in der Referenz. Außerdem stehen neue Anlagen näher an den Verbrauchszentren. Dadurch muss weniger Strom vom Norden in den Süden fließen.

Interessant ist auch der Blick auf die kurze Frist: Weil der Strombedarf bis 2030 langsamer wächst als früher erwartet, wäre ein etwas vorsichtigerer Ausbau bis dahin laut Modell sogar günstiger. Langfristig kehrt sich das um. Wer den Ausbau dauerhaft bremst, muss mehr Strom und Wasserstoff importieren und mehr Gaskraftwerke betreiben. Das kostet 2045 rund 12 Milliarden Euro pro Jahr mehr als der optimierte Weg – und dieser Abstand dürfte nach Einschätzung des EWI auch in den Jahren danach bestehen bleiben.

Der unterschätzte Hebel: Flexibilität im Haus und im Betrieb

Besonders deutlich wird das Gutachten beim Thema dezentrale Flexibilität. Gemeint sind Geräte beim Verbraucher, die ihren Stromverbrauch zeitlich verschieben können. Dazu zählen Elektroautos, die laden, wenn viel Strom verfügbar ist, und Wärmepumpen mit Warmwasserspeicher. Hinzu kommen Heimspeicher, die nicht nur den Eigenverbrauch erhöhen, sondern auch auf das Stromnetz reagieren.

Das EWI hat gerechnet, was passiert, wenn diese Flexibilität ungenutzt bleibt – also wenn Wärmepumpen stur nach Wärmebedarf laufen, E-Autos sofort beim Einstecken laden und Speicher nur den eigenen Solarstrom puffern. Das Ergebnis:

≈ 9 Mrd. €

Mehrkosten pro Jahr 2045 ohne dezentrale Flexibilität (Modell)

56 statt 31 GW

steuerbare Kraftwerke 2037 ohne bzw. mit Flexibilität (Modell)

≈ 70 Mrd. €

Einsparung bis 2045 im optimierten Weg (Modell)

Schon 2030 lägen die Mehrkosten bei etwa einer Milliarde Euro pro Jahr. Der Grund: Ohne flexible Verbraucher braucht Deutschland deutlich mehr Kraftwerke, die nur für wenige Stunden im Jahr einspringen. Diese Reserve muss gebaut, bereitgehalten und bezahlt werden – am Ende von allen Stromkunden.

Was das für Ihr Eigenheim bedeutet

In den Annahmen des Gutachtens steigt der Stromverbrauch von Elektroautos von 6 Terawattstunden (2024) auf 165 Terawattstunden (2045). Bei Wärmepumpen wächst er von 9 auf 104 Terawattstunden. Genau diese Geräte stehen künftig in Millionen Haushalten. Ob sie das Netz belasten oder entlasten, hängt davon ab, wie sie gesteuert werden.

Für Sie heißt das: Eine PV-Anlage mit Speicher, Wärmepumpe und Wallbox entfaltet ihren vollen Nutzen erst mit einem Energiemanagement, das alle Geräte aufeinander abstimmt. Ein solches Home-Energy-Management-System (HEMS) verschiebt Verbrauch in Zeiten mit viel Solarstrom oder niedrigen Preisen. Voraussetzung dafür ist ein intelligentes Messsystem, also ein digitaler Zähler mit gesicherter Kommunikationseinheit. Mit einem dynamischen Stromtarif können Sie diese Flexibilität zusätzlich in niedrigere Stromkosten übersetzen.

Auch das Gutachten nennt die Digitalisierung von Stromnetz und Messstellen sowie neue Geschäftsmodelle für Besitzer flexibler Geräte ausdrücklich als Voraussetzung, damit die Einsparungen tatsächlich entstehen.

Und für Unternehmen?

Das Gutachten berücksichtigt nur die Flexibilität von Haushalten. Das EWI betont jedoch: Mit Industrie und Gewerbe könnten die Effekte noch größer ausfallen. Für Betriebe mit hohem Stromverbrauch liegt hier ein doppelter Vorteil: Ein Gewerbespeicher kann Lastspitzen kappen und damit Netzentgelte senken – Fachleute sprechen von Peak Shaving. Gleichzeitig nutzt er den eigenen Solarstrom rund um die Uhr, statt ihn in Zeiten geringer Nachfrage ins Netz zu schieben.

Solarstrom direkt am Ort der Erzeugung zu nutzen, empfiehlt auch das EWI. Es spricht von der Nutzung „hinter dem Zähler“, weil dadurch Einspeisespitzen und Abregelung sinken. Abregelung bedeutet, dass Wind- oder Solaranlagen gedrosselt werden, weil das Netz den Strom gerade nicht aufnehmen kann. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt unser Referenzprojekt eines Gewerbespeichers in Nürtingen.

Einordnung: Was das Modell nicht abbildet

Wichtig zur Einordnung

Das Modell bevorzugt Solarparks auf Freiflächen gegenüber Dachanlagen, weil sie günstiger zu bauen sind. Dabei rechnet es Dachanlagen so, als würden sie ihren gesamten Strom einspeisen – den Eigenverbrauch im Haus berücksichtigt es nicht. Zudem verursachen Solarparks in der Realität voraussichtlich höhere Kosten im Verteilnetz, was das Modell nach eigener Angabe ebenfalls nicht abbildet. Eine Aussage gegen die PV-Anlage auf Ihrem Dach ist das also nicht. Weitere Einschränkungen: Das Modell unterstellt ein repräsentatives Wetterjahr (2009), bildet Netzengpässe innerhalb der Regionen nur vereinfacht ab und ersetzt keine vollständige Bewertung der Versorgungssicherheit.

Die Studie liefert damit keine exakte Kostenprognose, aber eine klare Richtung: Nicht die einzelne Kostenposition entscheidet, sondern das Zusammenspiel von Erzeugung, Netz, Speicher und Verbrauch. Wie die Politik den Rahmen dafür gerade verändert, lesen Sie in unserem Beitrag zu Netzpaket und EEG-Novelle 2027.

Unser Fazit

Wir sehen im EWI-Gutachten vor allem eine Bestätigung dessen, was wir auf jeder Baustelle erleben: Die Energiewende findet zunehmend im Gebäude statt. Eine einzelne Anlage für sich allein bringt weniger als ein abgestimmtes System.

Wer heute in PV, Speicher, Wärmepumpe oder Ladeinfrastruktur investiert, sollte deshalb von Anfang an auf Steuerbarkeit achten: intelligentes Messsystem, Energiemanagement und Geräte, die sich ansteuern lassen. Das senkt Ihre eigenen Energiekosten – und entlastet laut Gutachten zugleich das gesamte Stromsystem. Entscheidend wird sein, dass der Gesetzgeber die im Gutachten geforderten Rahmenbedingungen für Flexibilität tatsächlich schafft. Bis dahin gilt für uns: lieber heute steuerbar planen als morgen teuer nachrüsten.

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Stand: 22. September 2026. Quellen: EWI – Energiewirtschaftliches Institut an der Universität zu Köln (2026): Kosteneffizienz im Stromsystem. Modellbasierte Analyse von Möglichkeiten zur Senkung der Stromsystemkosten, Gutachten im Auftrag des LEE NRW vom 04.08.2026, veröffentlicht am 16.08.2026; Pressemitteilung des LEE NRW vom 16.08.2026; Annahmen zur Stromnachfrage nach Netzentwicklungsplan Strom 2037/2045 (Version 2025, Szenario B). Alle Zahlen sind Ergebnisse einer Modellrechnung. Dieser Beitrag ist eine fachliche Einordnung und stellt keine Rechts- oder Anlageberatung dar.

Alexander Hummel

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